Von schwarzen Witwen und Einrad-Hockey: Erlebnisse aus zwei Thüringer Lokalredaktionen

Nicht in allen Stationen des Volontariats werden eigene Texte geschrieben. Aktuell sitze ich in der Online-Abteilung, wo ich als wichtig erachtete Artikel auf die Frontpage schiebe oder Posts für Instagram bastle. Höchstens ein paar Polizeimeldungen oder Newsletter Absätze werden selbst getippt. Es ist auf jeden Fall entspannter, als täglich auf Termine zu gehen. Allerdings habe ich während meiner Monate in Lokalredaktionen so einige unterhaltsame Personen kennenlernen dürfen - eine "verfolgte" mich sogar bis ins Wochenende.

Der Weg schlängelt sich zwischen Bäumen entlang, den Schildern nach sollten wir bald bei der Hängebrücke sein. Eine Frau kommt uns entgegen, gut ausgestattet mit Wanderrucksack und festen Schuhen. Wir nicken uns grüßend zu, wie man das im Wald eben so macht. Schauen nochmal hin. Sind schon aneinander vorbei, da drehe ich mich ein drittes Mal in ihre Richtung und auch bei ihr ist plötzlich der Groschen gefallen: Ja, wir kennen uns, denn ich habe sie vor wenigen Wochen über ihr Ehrenamt als Burgführerin interviewt.

Sie ist hier, um die Wanderwege zu checken. Natürlich. Und ich, eigentlich nur mit einer Freundin zur Sonntagswanderung verabredet, komme am Tag darauf mit mehreren Themen in die Redaktion zurück. Nicht nur dank des unerwarteten Gesprächs mit der Frau – ich habe auch zum ersten Mal eine Gottesanbeterin am Wegrand entdeckt, das wird ein schöner Guten-Morgen-Kommentar. #Landleben

Vom Landkreis Sömmerda nach Jena

Während meines ersten Volo-Jahres habe ich zwei sehr unterschiedliche Lokalredaktionen kennengelernt. Die Wanderung fand im Landkreis Sömmerda statt, ohne Auto wird es hier schwierig mit Terminen. Zum Glück hatte ich rechtzeitig einen gebrauchten Wagen erworben und konnte die Monate im Ländlichen richtig genießen. Mittlerweile gibt es in meinem Umfeld niemanden, der nicht den Namen Sömmerda mit mir verknüpft – ich höre aber auch nicht auf, von meiner Zeit dort zu schwärmen. Zudem habe ich einige Freundinnen an Wochenenden einfach mitgenommen, zu Terminen wie „Ich rede mit dem Besitzer eines Zeltkinos am See und dann gucken wir dort Totoro“ oder „Eine Führung mit der schwarzen Witwe über den historischen Friedhof“. Das Land hat eben doch mehr zu bieten, als man zunächst denkt.

Etwas anders dagegen meine Station in Jena. Die Stadt wird nie verlassen, ist auch gar nicht nötig, denn Themen und Veranstaltungen gibt es hier mehr als genug. Obwohl ich seit neun Jahren in Erfurt wohne, Jena habe ich in all der Zeit sehr wenig erkundet, weshalb ich mich über die Gelegenheit gefreut habe. Die Termine liegen teils wortwörtlich vor der Haustür, denn die Redaktion befindet sich am Holzmarkt, einem der zentralen Plätze. Wenn es draußen eine Demo gibt, kann man sich schon vom Fenster aus den Inhalt zusammenreimen. Auch die Altersgruppen sind gut durchmischt: Von Senioren, die seit Jahrzehnten gemeinsam im Akkordeon-Orchester spielen und so ihre Ehepartner kennengelernt haben, bis zu Studierenden, die Einrad-Hockey spielen – meine Gespräche waren sehr abwechslungsreich. Eine lebendige Drag-Szene hat Jena übrigens auch, was zu einem meiner Lieblings-Interviews geführt hat.

Eins haben ländliche Regionen und Stadt aber gemeinsam: Niemand hat Lust, bei der wöchentlichen Straßenumfrage fotografiert zu werden.